Michael Meyn

Ein wahrer Held

Hinter einem Müllcontainer duckend observierte er die kleine Siedlung. Im Verlauf des Tages hatte ihm die Sonne Nacken, Unterarme und Waden schwer verbrannt. Die Mauer hinter ihm spendete ausreichend Schatten, in dem der nach Atem ringende Mann dankbar länger verweilte als es die gefährliche Lage zuließ. Er musste sich beeilen, denn hinter jener Mauer waren seine Verfolger im Anmarsch. Noch ertönten ihre aufgebrachten Rufe und das Bellen der Spürhunde in weiter Ferne, doch das würde sich schnell ändern. Er hatte die Hoffnung, ihnen zu entkommen, schon längst aufgegeben. Trotzdem bestand noch der Hauch einer Chance, seinen Auftrag ausführen zu können. Die Aussicht auf Erfolg war ihm wichtiger als sein eigenes Leben. Er hatte nie daran gezweifelt, dass er sich im Ernstfall opfern würde, und nun - dem nahenden Tod in den gierigen Schlund blickend - war er sich so sicher wie nie zuvor: Es war ihm eine Ehre für sein Land zu sterben. Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Die Sunchimes (2)

“Sex und Sandwich”, verriet eine Stimme im Radio den Zuhörern. “Mehr braucht es nicht, um einen Mann glücklich zu machen.” Dr. Laura Schlessinger, Amerikas Anlaufstelle Nummer eins in Sachen Moral und Ehefragen, hatte gesprochen und ich trat wütend aufs Gaspedal. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen und nun musste ich mir auf dem Heimweg auch noch anhören, wir Männer seien einfach gestrickte Wesen. Ich mag nicht von Frauen analysiert werden. Schon gar nicht, wenn sie recht haben.

Sex und Sandwich. Seit sich mein Rippchen von mir auf unbestimmte Zeit verabschiedet hatte, ging mir beides ab. Die Zubereitung eines echten, amerikanischen Sandwichs ist nämlich extrem aufwendig, und Sex mit mir selbst hatte einen eher befremdlichen Effekt, was aber auch daran lag, dass Wulfgäng ständig daneben hockte und mich begeistert anfeuerte. Herrje, ich vermisste mein Rippchen! Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Die Sunchimes (1)

Den ersten Mord beging sie vor knapp vier Jahren. Ihre Augen verrieten keine Spur von Zaghaftigkeit. Im Gegenteil. Entschlossen peilte sie das ahnungslose Opfer an, schlug mit einem dicken Knüppel so lange drauf ein, bis es sich nicht mehr wehren konnte und zu schwach für eine Flucht war. Ich hörte Knochen krachen und sah Blut in alle Richtungen spritzen. Der Todesstoß kam von oben, mit viel Schwung und einem übergeschnappten “Friss Dreck, du Kacker!” So kannte ich mein Rippchen gar nicht. Als Schaulustiger fühlte ich mich natürlich mitschuldig. Auch das Plündern des Leichnams schockierte mich, hält man sich die eher dürftige Beute von drei Kupfermünzen vor Augen.

Mein Rippchen ist Beatrix Sunchime, Magier des 80. Levels in der Welt von Everquest. Die Macher dieses Online-Spiels werben mit einem einzigen Slogan: “You’re in our World now!” Das zieht. Und zwar so sehr, dass es in Amerika bereits Ehepsychologen gibt, die sich genau auf dieses Thema spezialisiert haben. Kein anderes Spiel hat mehr Ehen zerstört als Everquest. Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Kraße Textverarbeitung

Liebe Leser, heute werde ich Euch ein kleines Geheimnis verraten. Auf meiner Tastatur befindet sich kein einziger Umlaut. Auch das scharfe S oder S-Z oder was auch immer der Name dieses recht seltsamen Zeichens sein mag, wurde von den Machern amerikanischer Keyboards arroganterweise ignoriert. Das ist besonders hinderlich, da ich mich jedesmal, wenn ich eine Geschichte vollendet habe, ins Internet schwinge und dort die fehlenden Buchstaben suche, um sie in meine Texte zu kopieren. Langweiliger geht’s nicht. Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Der dicke Blockierpfropf

Was mich in meiner Tätigkeit als Amateurschreiberling enorm behindert, sind Geistesblitze im falschen Augenblick. Ich habe immer genau dann die besten Ideen im Kopf, wenn Stift und Papier gerade nicht zur Hand sind. Meistens während der Arbeitszeit oder wenn ich bereits im Bett liege. Nichts ist schlimmer als ein genialer Einfall, der verloren geht. Bei meinem Gedächtnis geht so ziemlich alles verloren, was länger als zwanzig Minuten her ist und von mir nicht schriftlich festgehalten wurde. Ich habe es schon mit Eselsbrücken versucht, doch hinterher sitze ich ahnungslos am Schreibtisch und denke über rätselhafte Verschlüsselungen nach, wie: “Dirk Bachs linke Hand kauert verstört in der Essecke und ohrfeigt sich selbst.” Was will mir diese Eselsbrücke sagen? Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Morgen früh, wenn Gott will …

Jeden Abend, wenn ich bereits mit einem Bein im Bett bin, kommt von meinem Rippchen der gleiche Satz:

“Mach bitte noch schnell das Licht im Flur aus!”

Das kleine gedämpfte Licht im Flur ist für mich sehr wichtig. Es dient mir morgens zur Orientierung. Seit sich Wulfgäng bei uns eingeschlichen hat, ist alles anders. Das Bett teilen wir uns nun zu dritt und die Schlafzimmertür muss immer einen Spalt geöffnet bleiben, damit sich die Katze frei bewegen kann. Auf meine Orientierung darf somit keine Rücksicht genommen werden, denn alles was heller als dunkel ist kann mein Rippchen nicht vertragen. Daher auch die ständige Aufforderung: “Mach bitte noch schnell das Licht im Flur aus!” Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Kleine Unfälle erhalten die Statistik

Man stelle sich bitte folgendes vor: Ein Mann steht morgens auf, macht sich auf den Weg in die Küche, um die Kaffeemaschine anzuschmeißen und bleibt auf halber Strecke mit dem großen Zeh des rechten Fußes im linken Bein seiner Schlafanzughose hängen. In der unausgeschlafenen Hoffnung, seinen Fall bremsen zu können, greift der Mann reflexartig nach der Yuccapalme. Beide, Mann und Palme, stürzen zu Boden. Den ganzen Beitrag lesen »

Heute Abend hatten wir Paul zu Besuch. Wir wissen nicht viel über ihn. Eigentlich gar nichts, außer dass er an der Kasse im Supermarkt arbeitet. Er ist immer gutgelaunt, flirtet ausgiebig mit meinem Rippchen und trägt lustige Hüte zu Halloween, St. Patrick’s Day und Weihnachten.

“Warum kommt uns Paul besuchen?”, fragte ich mißtrauisch nach, als ich erfuhr, dass ich den heutigen Abend nicht in Ruhe verbringen durfte.

“Ich habe ihn zum Essen eingeladen.”

“Warum?”

“Er ist mein bester Freund. Unser bester Freund!” Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Queen Wulfgäng

“Wie soll sie heißen?”, fragte ich. Wir saßen im Auto und betrachteten das miauende Geburtstagsgeschenk durch die Gitterstäbe des Käfigs. Das Kätzchen war winzig klein, gerade mal 6 Wochen alt.

“Na, das soll Mike selbst entscheiden”, meinte mein Rippchen. “Ist schließlich seine Katze.”

“Ja schon, nur benennt er sie garantiert nach ihrer Farbe, so wie bei Black Mike und White Mike.”

“Er wird sie wohl kaum Greybrownblack Mike nennen, oder?’

“Da kennst du meinen Mikey aber schlecht.” Den ganzen Beitrag lesen »

Michael Meyn

Halloween

Bonbon-Industrie und Zahnärzte reiben sich lechzend die Hände, denn Millionen Haushalte sind mit Süßigkeiten überschwemmt. Auch die Verkleidungsgeschäfte machen heute den großen Reibach. Es ist Halloween. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit schlüpfen skrupellose Kinder in die schaurigsten Kostüme und schicken sich an, die Nachbarschaft zu terrorisieren. Systematisch gehen sie von Haus zu Haus. Niemand bleibt verschont. “Trick or treat!”, schreien einem die Blagen ins Gesicht, was soviel bedeutet wie “Gib uns was zu mampfen oder wir kacken auf deine Fußmatte!” Den ganzen Beitrag lesen »

Nächste Einträge »